Asterix auf dem Schurwald

BALTMANNSWEILER: Empörte Bürger und Bürgermeister König verhindern das Aufstellen eines Mobilfunksenders

 

Wütende Menschen und ein Bürgermeister stoppen die Montage der Mobilfunkantenne, unter anderem mit einem Gabelstapler.Foto: Bulgrin
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Wütende Menschen und ein Bürgermeister stoppen die Montage der Mobilfunkantenne, unter anderem mit einem Gabelstapler.Foto: Bulgrin

 

Von Hans-Joachim Hirrlinger

Das hätte sich O2-Chef Rene Schuster nicht träumen lassen: dass ein kleines schwäbisches Dorf den Mobilfunk-Giganten besiegen könnte. Nun, Sieg ist vielleicht zu hoch gegriffen, aber die Gegner einer Mobilfunkantenne im Wohnbereich der Zinkstraße in Baltmannsweiler haben gestern zumindest einen Etappensieg errungen, wie ihre Vorsitzende Claire Herrmann anschließend erklärt. Was war geschehen?Seit fünf Jahren kämpft Baltmannsweiler, ein Dorf mit gerade mal 3500 Einwohnern, gegen eine weitere Mobilfunkantenne auf der Markung. Das ist Gemeinderatsbeschluss. Fünf Jahre wurde über einen Standort im Außenbereich verhandelt. Doch dann mauerte O2 plötzlich und wollte den Sender auf ein Technikgebäude der Telekom in der Zinkstraße 41 stellen. Die Gemeinde kann dagegen wenig tun: Die Anlage ist genehmigungsfrei, nur anzeigepflichtig. In der Nacht zum Freitag wird dann im Gebäude gearbeitet. Auf Nachfrage hieß es erst, man tausche nur ein Schloss aus, dann, die Batterien müssten gewechselt werden, berichtet eine Nachbarin. „Wie die uns ausgetrixt haben. . .“, empört sie sich im Nachhinein. Denn wenige Stunden später rangierte gestern gegen 14.30 Uhr ein Laster mit Mobilfunkmast auf der Ladefläche vor die Nummer 41. Und jetzt beginnt eine Geschichte, die stark an den Kampf eines kleinen gallischen Dorfes gegen Rom erinnert: Bis zu 100 Menschen rotten sich zeitweise um den Lastwagen zusammen. Transparente sind auch schnell organisiert: „Jeder hat das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Auch wir“. Einer denkt weiter und greift zum Hinkelstein: Er organisiert einen Gabelstapler und blockiert damit das Abladen der Antenne von der Ladefläche. Das stoppt O2 erst mal. Die Polizei rückt an und muss eine Anzeige gegen Unbekannt wegen Nötigung aufnehmen. Die sechs Beamten sollen dafür sorgen, dass die Nötigung endet. Peter Schubert, Revierleiter aus Esslingen, ist dabei. Auch Bürgermeister Martin König ist jetzt aktiviert - ein Glück, denn am Nachmittag ist das Rathaus nicht besetzt. Er verhandelt mit dem Chef des Aufstellungstrupps. Derweil schlagen unter den Leuten die Wogen hoch. Gemeinderat Carlo Schlienz ist darunter und sagt aufgebracht: „Wir wollten verhandeln. Da kann man doch die Antenne nicht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion einfach aufstellen wollen.“ Die Verhandlungsbereitschaft der Gemeinde sei von O2 nicht wahrgenommen worden. Empörung überall: „Die haben uns angelogen nach Strich und Faden.“

Der Trick mit dem Polizeirecht

Polizeioberrat Schubert versucht, die erregten Menschen zum Umdenken zu bewegen. Ihr Tun erfülle den strafrechtlichen Tatbestand der Nötigung. Schadenersatz drohe auch. Man könne den Mast doch erst mal ablegen, O2 habe für Dienstag ein Gespräch mit der Gemeinde zugesagt. Doch O2 will man nicht mehr vertrauen: „Wir können das nicht erlauben.“ Nur wenn der Mast auf dem Bauhof sicher verwahrt werde, gebe man nach. König verhandelt wieder abseits der Menge. Allerdings muss auch er wie weiland Miraculix zaubern. König weiß, dass er mit dem Baurecht nichts erreichen kann und greift zum Polizeirecht: Als oberster Ortspolizist verfügt er, weil die öffentliche Ordnung gefährdet sei, dürfe nicht abgeladen werden. Der Laster müsse wegfahren. Mit Erfolg. Der Lkw kurvt um 16.30 Uhr mit Mast aus dem Hof des Gebäudes. Rundum klatschen die Leute begeistert. Zwei Jugendliche bringen es auf den Punkt: „Irgendwie hab‘ ich das Gefühl, dass wir gesiegt haben“, sagt der eine. „Nicht gesiegt, aber erst mal gewonnen“, erwidert der andere realistisch.

Heute um 14 Uhr ist in der Zinkstraße 41 eine Demonstration geplant.

Artikel vom 10.10.2009 © Eßlinger Zeitung

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Leser-Kommentare (16)

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24.10.2009 17:48 von dandylion

"Wir sind das Volk!" - Es wird endlich Zeit, dass mutige Bürger mit Zivilcourage das im Grundgesetz verankerte Recht der Unversehrtheit in unserem "demokratischen" Staat mit Mitteln der Verhältnismäßigkeit durchsetzt. Nötigung hin oder her - zunächst muß es um die Gesundheit von Mensch und Natur gehen und erst in zweiter Instanz um Wirtschaftsinteressen! Die Branche arbeitet ohnehin unter dem Deckmantel fragwürdiger Gutachten Unbedenklichkeitszeugnissen!

13.10.2009 21:49 von ich

Also ich kann die Bewohne von Baltmannsweiler sehr gut verstehen. Es geht nicht darum dass die Bewohner in Baltmannsweiler ein besseres Netz bekommen, sondern die in Lichtenwald. Dort haben sich die Bürger erfolgreich gegen diesen Mobilfunktturm in der Ortschaft gewehrt. Warum sollen jetzt die Leute in Baltmannsweiler dafür büßen. Die Bürger dort sind sich durchaus bewußt, dass man diese Türme benötigt um eben Handys zufriedenstellend zu nutzen, Sie sind auch nicht strikt gegen solch einen Masten sondern lediglich dagegen, dass dieser Mast mitten in einem Wohngebiet aufgestellt wird. Dort oben gibt es so viele Wiesen und andere Freiflächen, dass man gewiß einen Ausweichspunkt finden würde mit dem beide Parteien leben können. Die Bürger sind bereit zu verhandeln doch O2 war dazu nicht bereit! Kein Wunder haben Sie sich gewehrt, wenn auch nicht mit ganz legalen Mitteln aber zu Schaden gekommen ist niemand!!! Liebe Bewohner on Baldemoore ich drück Euch die Daumen, dass eine vernünftige Lösung gefunden wird!

13.10.2009 13:39 von Dr, von Klitzing

Liebe Baltmannsweiler, um langfristig Erfolg zu haben, drängt eure Kommunalvertretung dazu, eine Veränderungssperre hinsichtlich Immissionsminimierung durchzusetzen. Voraussetzung ist, dass ein B-Plan für den Ort existiert. Falls nicht, kann die Kommune in ihrer Gemarkung eine Konzentationsfläche über den "Sachlichen Teilflächennutzungsplan" festlegen; dieses geht auch, wenn noch kein Flächennutzungsplan existiert. Wichtig ist: es muss sehr schnell gehandelt werden, denn O-2 gibt nicht so schnell auf.

13.10.2009 13:18 von Müller

Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Esslinger Zeitung genau gewußt hat, wie die "vertuschte AufbauAktion" wirklich vonstatten ging. Auf dem Foto ist es noch hell. Also kann von einer Nachtaktion keine Rede sein. Von daher gehe ich von einer "gewissen" Befangenheit aus. Wenn ich das Foto mir ansehe sind Kinder mit Müttern auf einem fremden Geländer und sind kräftig am verhindern des Aufbaus.Toll. Frage mich nur was wäre gewesen, wenn jemand zu schaden gekommen wäre?? Find ich persönlich verantwortunglos! Ich will kein Partei ergreifen. Ich finde es nicht richtig mitten im Wohngebiet einen Funkmast zu stellen. Finde es aber die Art und Weise nicht korrekt wie die Baltmannsweiler vorgegangen sind. Bei Studien wäre ich genauso vorsichtig. Meine erste Frage ist immer wer steht hinter einer solchen Straten. Vielleicht sollten die Baltmannsweiler über alternativen nachdenken...udien. Dann ist das Ergebnis auch klar.... Ich denke das war ein "Sieg" auf

13.10.2009 08:15 von Ralf Krämer

Handymasten in Wohngebieten macht krank. Es gibt genug andere Möglichkeiten.

12.10.2009 23:30 von Winfried Leibold

Respekt vor dem couragierten Handeln der Baltmannsweiler. Frei nach Gandhi: Gesetze die Unrecht begründen sind nicht zu befolgen. Ganz klar, das Handy ist nur der Köder, warum sonst werden Feldstärken gefahren die zigtausendfach über der fürs Telefonieren erfolderlichen Leistung liegen. Es geht ums Netz. Ein Netz ist ein Netz. Vom verpflichtenden Chip für das Haustier über die RFID Chips zum Kontrollieren der Warenströme hin zur elektronischen Fußfessel für leicht zu stigmatisierende Randgruppen ist es nicht weit. Von der lückenlosen, verdachtsunabhängigen Totalüberwachung jedweder elektronischer Kommunikation wie dieser ganz zu schweigen. Wem nutzt das? Auf wessen Kosten? Wer ist zu einem solch sozialschädigendem Vorgehen von wem berechtigt? Und auch wenn der unmittelbare Erfolg vielleicht letztlich ausbleibt: Information wirkt, Kreativität hilft und Solidarität begründet.

12.10.2009 19:50 von Thomas

Es geht nicht darum den Mobilfunk grundsätzlich anzuprangern, sondern den Standort. Mitten in einem Wohngebiet, wenige Meter weg von Kinder- und Schlafzimmern muss nicht sein, wenn es Alternativen gibt. Auf diese Gespräche muss sich ein verantwortungsvoller und für seine Kunden agierender Anbieter wie O2 einlassen. Es gilt Lösungen für beide Seiten zu finden.

12.10.2009 15:31 von Martina

Super liebe Baltmannsweiler! Eine Mobilfunkantenne mitten im Wohngebiet, nahe Schule, Kindergärten und Spielplätze ist ein "Unding", zumal O2 mit dem Wohl der Kinder, Jugendlichen und Umwelt wirbt! Weiter so!!!! Ihr schafft es!!!!! Vielleicht werden andere Bürger/-innen dadurch auch gestärkt in Zukunft durch Zusammenhalt und Protest etwas zu bewirken - auch in anderen Themen und Problematiken! Ich drück Euch die Daumen!!!!!!

12.10.2009 14:25 von Funky

Liebe Baltmannsweiler, verkennt eure Situation nicht! Trotz eurer Aufgebrachtheit werden die den Masten montieren, früher oder später. Ihr braucht doch nicht glauben, dass ihr einen europäischen Konzern bezwingen könnt, noch dazu seid ihr die Rechtsbrecher und nicht O². Die Gesetzeslage ist eindeutig, denn sie ist gegen euch. Interessant äre, wieviele Teilnehmer dieser Protestveranstaltung ein Mobiltelefon betreiben?

12.10.2009 13:42 von Binhandyfrei

Hut ab vor diesen Bürgern, Gemeinderäten und vor allem dem Bürgermeister. Es wurde höchste Zeit, dass Menschen mit Rückgrat und Mut diesen Missständen entgegentreten. Denn Staat und Mobilfunkindustrie sitzen in einem Boot. Angesichts der Einnahme von seinerzeit 100 Milliarden DM (!!) für die UMTS-Lizenzen und als Mitaktionär bei der Telekom kann der Staat nicht frei sein. Er ist dem Lobbyismus ergeben und entscheidet sich gegen die Gesundheit der Bürger. Ihm sind die Hände gebunden. Solche Nacht-und-Nebel-Aktionen sind keine Cleverness der Betreiber sondern Ausdruck von Arroganz, Geld und Macht. Aber es ist auch deren Ohnmacht vor dem Herannahen des gerechten Endes dieser Machenschaften. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Vernunft siegt und eine gesundheitsverträgliche Mobilfunktechnologie eingeführt wird. Diese liegt fast fertig in den Schubladen der Entwickler. Doch zunächst soll kräftig Geld für die Aktionäre verdient werden. Schließlich haben Lizenzen und Netzaufbau viel Geld gekostet. Diese (!) Technik muss weg und durch eine gesundheitsverträgliche Technik ersetzt werden! Die jetzige Technik macht nachweislich krank! Die Entwarnungsstudien sind so angelegt, dass sie nichts finden, weil nichts gefunden werden darf (siehe Deutsches Mobilfunk Forschungsprogramm). Minister Gabriel hat neben vordergründiger Entwarnung im Kleingedruckten zugeben müssen, dass das Risiko für Kinder und das Langzeitrisiko (Handygebrauch länger als 10 Jahre) ungeklärt sei. Was man aber bedenken muss: Die Ungefährlichkeit wurde niemals geprüft und konnte bis heute nicht bewiesen werden. Wir alle sind Versuchskaninchen in einem gigantischen Freilandversuch. Ich wünsche mir, dass der Handyverzicht möglichst vieler Nutzer den Niedergang dieser Technik beschleunigt. Denn Handys rufen nach Sendemasten. Dennoch: Die mutigen Menschen aus Baltmannsweiler haben einen großen Schritt getan. Hut ab und Respekt!

12.10.2009 11:34 von Manne

Das die Esslinger Zeitung einen klaren Rechtsbruch als niedliche Asterix-Geschichte verkauft, sollte einem zu Denken geben. Vielleicht werden ja demnächst Straftaten als Comics angeboten, nach dem Motto, also halb so schlimm weil lustig. Recht muß Recht bleiben, auch wenns den Baltmannsweilern in diesem Fall nicht in den Kram passt. Apropos: wie haben sich den die Leute untereinander verständigt?? Ist da wer durchs Dorfs gerannt oder hat man gschwind zum Handy oder (schnurlosen) Telefon gegriffen?

12.10.2009 11:12 von Jürgen Hasel und Iris Weger-Hasel

Obwohl O2 auf ihrer Internetseite angibt, dass sie sich für Umweltthemen einsetzt, will sie jetzt einen Sendemasten mitten in ein Wohngebiet stellen. Es gibt noch keine Langzeitstudien die Gesundheitsgefahren ausschließen. Die Grenzwerte bei Mobilfunk betrachten nur die Wärmewirkung, jedoch nicht die biologische Wirkung. Gerade dazu gibt es viele Untersuchungen, die gefährliche Wirkungen auf biologische Systeme bestätigen. Die IHK in Ulm hat ihr Gebäude gegen Mobilfunk abschirmen lassen und zusätzlich einen geschützten Raum geschaffen, weil die Mitarbeiter über Beschwerden geklagt haben. In der Nähe steht ein Mast. Die französiche Regierung plant ein Handyverbot an Schulen und will Werbung verbieten, die sich an Jugendliche unter 14 Jahren richten.

12.10.2009 09:48 von Tanja

O2 - don`t do!!!!!!!!!!!!!

Ich kann mich nur den anderen Meinungen anschließen. Eine Gemeinde hält zusammen, wenigstens das ist toll an der Sache. Werden sie wohl den Funkmast verhindern können??? Wir hoffen es alle.

11.10.2009 23:51 von Strobel

Die Aktion und Abgebrühtheit ist an Dreistigkeit kaum zu überbieten. Die Arbeiten finden Nachts statt, der Sendemast wird in einem Waldparkplatz vormontiert. Da hat wohl Deutsche Funkturm GmbH, die den Mast für O2 aufstellt, schon den Protest eingeplant. Allerdings muss sich hier die Bundes- und Landespolitik ernsthaft fragen lassen, ob hier nicht mit zweierlei Maß gemessen wird. Der brave Bürger muss jeden Anbau genehmigen lassen, eine 9.97 Meter hohe Antenne ist aber Genehmigungsfrei. Aber was soll dei Regierung auch tun. Schließlich war man ja über die 100 Milliarden aus den UMTS-Erlösen auch ganz dankbar und Konkurrenz belebt das Geschäft. Leider reicht deshalb nicht eine Antenne aus sondern es sind nun gleich mal vier. Deshalb kann die Forderung an die Politik hier nur sein, mehr Transparenz zu schaffen. So müssen die Betreiber auch keinerlei technische Daten bekannt geben. Demokratie sieht für mich anders aus. Es bleibt sich zu wehren, nicht gegen die Technik und den Mast, aber gegen Standorte und die Arroganz der Betreiber. Ansonsten bieten die Hauseigentümer gerne den Politikern und Betreibern das "Wohnen unterm Mast" gerne an. So günstig bekommen sie kein Gebäude.

11.10.2009 21:30 von Carmen Schäfer

Wie schön, dass es noch so engagierte und mutige Menschen gibt, die sich für Ihre Meinung stark machen. Und: Schade, dass unsere Gesetzgebung solche Vorgehensweisen der Mobilfunkhersteller durchgehen lässt. In diesem Sinne: Weiter so, Baltmannsweiler!

10.10.2009 13:25 von Fabio Furiani

O2 can do .....aber nicht bei uns.....


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